Rundgang: Kreuzweg

 
In der Adventszeit 1994 wurde der Kreuzweg vollendet, die Entwürfe schuf der Bildhauer Helmut Lutz, mit der Ausführung beauftragte er den Bildhauer Bernhard Bührer aus Tenigen. Dass dabei die traditionelle, seit dem 15. Jahrhundert verbreitetet Reihenfolge der Stationen beibehalten ist, erleichtert das Verständnis.
 
Aus dem Dornenkranz löst sich eine Hand, die ihre Fingerspitzen in ein Wasserbecken taucht: einsame Geste eines Mannes, der sich die Finger nicht schmutzig machen wollte und der sie doch ganz maßgeblich mit im Spiel hatte. In dieser Hand lag die Entscheidung über Leben und Tod des Angeklagten.  "Als Pilatus sah, dass er nichts erreichte, nahm er Wasser, wusch vor dem Volk die Hände und sagte: 'Ich bin unschuldig am Tod dieses Menschen. Seht ihr zu.' Dann ließ er Jesus geißeln und übergab ihn zur Kreuzigung." [Mt 27,26]
Es genügt nicht, dass eine Hand die andere wäscht. Selbstrechtfertigung hilft genauso wenig wie Selbstvorwürfe. Wenn es stimmt, dass wir als Christen mit hineingenommen sind in den Glauben, dass es eine Liebe gibt, die uns vorauseilt, dann sind wir vom dem Zwang befreit, uns selber loszusprechen. Dann ist es nicht mehr das Allerwichtigste, unsere sauberen Hände zu beweisen.
 
 

Wir sehen die Hand und den von der Geißelung verwundeten Arm Jesu. Aus dem Dornengeflecht heraus windet sich die Schlange, das Symbol der Täuschung. Der Mensch fällt in einen zerreißenden Widerspruch zu sich selbst, zur Welt und zu Gott, wenn er seine Kreatürlichkeit nicht annehmen will. Das Dornengestrüpp mit der Schlange steht für diese Wirklichkeit "jenseits von Eden", vielfach durchwachsen von Schuld und Leid.

In dieser Wirklichkeit sucht uns - konsequent und unbeirrt - die menschgewordene Liebe Gottes. Sie geht dem Verlorenen nach - entschlossen, bis ins Martyrium zu gehen.

 

In dieser Station wird einer der ungezählten Menschen vorgestellt, den wir "Gefallene" nennen: Opfer des Krieges und der Gewalt. Es hat den Anschein, als werde der Verwundete nicht nur von der Sense niedergemäht, sondern auch vom Kreuzesbalken zerschnitten. So repräsentiert der Gefallene auch die Opfer aller menschenverachtenenden Systeme, die Opfer von Religionskriegen und religiösem Fanatismus.

Jesus selbst ist religiöser Blindheit zum Opfer gefallen und so zeigt die Darstellung, wie gefährlich "Feuereifer" wird, wenn er überzeugt ist, im Namen Gottes zu handeln, dabei aber "über Leichen geht". Jesus hat uns einen Gott offenbart, der gerade auf Gewalt verzichtet. Wer sich also um Entfaltung und Heilung von Menschen kümmert ("Rotes Kreuz" auf dem Kopfverband), der handelt gemeinsam mit Gott.

 

Die leidgeprägten Züge von Jesus und Maria sind in einem Angesicht. Maria steht dabei zugleich für die Mütter aller Zeiten, die dem Sterben ihres Kindes ohnmächtig gegenüberstehen. Das Ereignis der Begegnung ist mitten in die Dornenzweige hineingelegt, wie in einer Knospe. In den Zügen der beiden können wir Gottes Anlitz erahnen.

Es wird deutlich, was "Barmherzigkeit" meint: sich ein Herz zu fassen und entschlossen an die Seite des Menschen zu treten und dort standzuhalten. In dem Pfeil sind Kräfte angedeutet, die auseinandertreiben. Der beziehungswillige Gott gibt uns im Leiden nicht auf, sondern mag uns leiden.

 

Freiwillig tat Simon Zyrene das nicht. Die Soldaten ließen ihm keine Wahl. Er gehörte zu den kleinen Leuten, die herumgeschubst werden. Aber aus der befohlenen Hilfe ist offenbar mehr geworden. Der späteren christlichen Gemeinde sind Simon und seine Söhne bekannt (Vgl. Mk 15,21). Er hat wohl das Geschehen nicht vergessen und später die Nähe zu dem gesucht, dessen Kreuz er mitgetragen hat. So steht Simon für alle, die einen auferlegten Dienst tun, den sie aber bejahen lernen.

Simon sind Frau und Kinder an die Seite gegeben: Tragen und Getragen werden gehören zusammen. "Wir tragen immer mit an der Last aller, und von jedem sollten wir wissen, dass wir selbst auch seine Last sind in tausend Weisen." [K. Rahner]

 

Die Legende erzählt, dass sich Bild des Angesichts Jesu auf dem Schweißtuch, das Veronika ("vera iconica"= wahres Bild) Jesus reichte, abzeichnet. Das Tuch macht handgreiflich sichtbar, was sich zwischen den beiden ereignete: Sie schenkt ihm ihr Mitgefühl und er gibt sich ihr zu erkennen. Sie wendet sich einem gequälten Menschen zu und begegnet in ihm Gott.

So wird dem geschundenen Menschengesicht etwas von seiner Würde zurückgegeben. Die lose geschlungenen Bänder zwischen den Händen, die an dieser Station statt der Dornenranken zu sehen sind, weisen auf solches heilendes, verbindendes Handeln hin.

 

Ein Mensch mit verrenkten Gliedern, das Ende einer Flucht. Ein abgestürtzer Pilot oder verunglückter Motorradfahrer nach dem Geschwindigkeitsrausch, Alkohol und Drogen - ein Mensch ist Opfer der Sucht geworden. Was ihm Glücksgewinn versprach, hat sich gegen ihn gewandt und ist zum Handlanger des Todes geworden. Die Sehnsucht nach Angenommensein, nach Sinn und Lebensinhalt endet hier in Verlassenheit.

Wer sich nach Lebenssinn und wahrer Bedeutung sehnt, sehnt sich nach mehr, als "innerweltlich" machbar ist. Der Mensch darf nicht vertröstet werden - auch nicht auf das pure Diesseits. Letztendlich ist es die Suche nach Gott. "Diese Welt ist alle mal zu klein, um die ganze Sehnsucht eines Menschen zu erfüllen." [Tucholsky] Das Kreuz deutet an, dass Gott uns mit seiner Suche entgegenkommt.

 

Das tödliche Nein gegen den Gott, den Jesus vermittelt, ist auch ein tödliches Nein gegen wahre Menschlichkeit. Es bringt Verderben gerade über die Schwächsten und Wehrlosesten. So lebensfeindlich kann der Zustand der Welt werden, dass man die Unfruchtbaren und Kinderlosen preist: "Es werden Tage kommen, da man sagen wird: 'Selig die Unfruchtbaren und der Schoß der nicht geboren.'" [Hos 9,14]

Bis in unsere Gegenwart zieht sich diese Linie weiter. Der Künstler entwarf diese Station, als sich die Meldung verbreitete, dass in den Lagern Bosniens Vergewaltigung als Mittel der Kriegsführung eingesetzt wird. Können Menschen ihre Fähigkeit, das Leben weiterzugeben, so pervertieren, dass es wie ein Fluch erscheinen muss, "gesegneten Leibs" zu sein? Mißbrauchte Frauen nehmen hier die Stelle der weinenden Frauen von Jerusalem ein, ihre Arme im Kreuz, im Kreuz der Erniedrigung, im Kreuz der Kinder, in den durchkreuzten Lebensplänen.

 

Ein Mensch mit verbundenen Augen, der sich auch das Ohr zuhält. Auf den schlangenartigen Bändern sind die Zeichen der Verblendung zu finden: Der "deutsche Fall" im Faschismus, der historische und ethische Zusammenbruch Deutschlands - und damit auch die andauernde Anfälligkeit von Menschen für Ideologien, nationale Überheblichkeit, blindem Befehlsgehorsam.

Wie leicht lässt sich Unrecht mit dem Deckmatel der Legalität umgeben: "Wir haben ein Gesetz und nach diesem Gesetz muss er sterben." [Joh 19,7] Der Mensch wird förmlich zerrissen und droht "seinen Kopf zu verlieren". Die Herrschaft des Geldes, die Mühlen der Gesetzmäßigkeit, die Sachzwänge des Fortschrittes sind angedeutet. Jedes irdische Gut, das zum höchsten Wert und damit zum Götzen gemacht wird, versklavt den Menschen und bringt ihn zu Fall.
 

Sie warfen das Los und verteilten seine Kleider unter sich." [Mk 15,24] Diese Mentalität, die auch noch das Intimste enthüllt und der sensationslüsternen Öffentlichkeit verkaufen will, ist uns bekannt. Das Leid und die Not von Menschen wird ohne Scheu vermarktet. Das Horn, das zugleich als Würfelbecher dient posaunt alles laut hinaus. So kann selbst die Wahrheit, wenn sie wie eine Waffe gebraucht wird, Menschen entblößen und ausliefern.

Doch der Mensch in seiner Nacktheit stahlt etwas Unberührbares aus: Wenn die Hände auf dieser Station auch beschämen wollen, sie offenbaren nur um so heller das Geheimnis dieser Person: Jesus ist der "neue Adam", der Mensch, den Gott sich erträumt hat, als er ihn nach seinem Bild geschaffen hat.

 

Der Künstler zeigt das ganze Waffenarsenal, das menschlicher Einfallsreichtum und technischer Fortschritt entwickelt hat. Damit ruft er den ganzen Berg an Unrecht und Leid in Erinnerung, der im Lauf der Geschichte angehäuft wurde. Aus immer größerer Distanz zu treffen erspart dem Menschen heute den Anblick dessen, was seine Waffen angerichtet haben.

Das Kreuz deckt die klaffende Wunde auf. Es zeigt, zu welcher Inhumanität Menschen fähig sind und wie wenig sie den "neuen Menschen" Jesus ertragen. Doch er hält seine durchbohrte Hand weiter unter diese Welt: Diese Station zeigt uns einen Gott, der von der Schuld der Welt, aber noch viel mehr vom "Pfeil der Liebe" getroffen ist. Die Ohnmacht dieser gekreuzigten Liebe ist die verborgene Mitte der Welt.

 

Das Kreuz ist aufgerichtet - wie ein Stacheldraht zusammengerollt das Dornengeflecht. Nur seine durchbohrten Hände tauchen noch aus dem Gewirr hervor. Alles was Menschen je einander angetan haben, alles Unmenschliche und Gegengöttliche ist versammelt in diesem Dornenknäuel am Kreuz.

Doch aus den Dornen fließen Blut und Wasser, wachsen Ähren und Trauben als Zeichen für Brot und Wein: Als Zeichen der liebenden Hingabe Jesu. Gott hat den Schrei seines Sohnes am Kreuz nicht nur gehört; er hat sich dessen Not und Verlassenheit so sehr zu eigen gemacht, dass er sich darin offenbart: "Ausgespannt hat Gott am Kreuz seine Hände, um die Grenzen des Erdkreises zu umarmen. Darum ist dieser Berg Golgotha auch der Angelpunkt der Welt." [Cyrill von Jerusalem, 4. Jh]

 

Eine eindringliche Szene aus der Passionsmystik: Die Trauer der Mutter um ihren toten Sohn, Sinnbild für alle Frauen der Erde, die um Kinder trauern. Der gebogene Leib macht sichtbar, dass sich der Kreis des Lebens schließt. Bei allem Schmerz liegt große Zärtlichkeit und Friede in dieser Station. Unter dem Leib Jesu ein Tuch, das die harten Kanten mildert. Es spricht vom liebevollen Bemühen der Frauen aus Galiläa, für Jesus alles zu tun.

Gott selbst ist der, der seinen Sohn mit Liebe umgibt und "wie eine Mutter tröstet." [Jes 66,13] Er richtet die Tiefgebeugten auf und erhöht, die in den Augen der Menschen niedrig und gering sind. So hat Maria einst in ihrem Lied gesungen. [Lk 1,52] "Mutter der Schmerzen" ist nicht das letzte Wort über Maria.

 

Am Ende steht der Stachel des Todes, der die Grenze unserer Lebensmöglichkeiten markiert. Jesus teilt unser Los. Das Stoffband mag erinnern: "Wie ein Weber hast du mein Leben zu Ende gewoben. Du schneidest mich ab wie ein fertig gewobenes Tuch." [Jes 38,12] Selbst in den Augen seiner JüngerInnen musste alles, was Jesus von Gott vermittelt hatte, durchgestrichen erscheinen.

Aber die Station zeigt zugleicht den neuen Anfang an. Wie eine Pfeilspitze weist sie über sich hinaus. Die Auferstehung enthüllt endgültig die Wahrheit des Lebens Jesu. Gott lässt nicht einfach auf sich beruhen, was die ungerechten Fakten aller Menschen an "Nägeln mit Köpfen" gemacht haben. Die Auferstehung Jesu zeugt von Gottes Einbruch in die Grabkammern dieser Erde.

Die Betrachtenden weist der Kreuzweg mit dem Pfeil der letzten Station auf das eigenen Leben hin. Denn "die Herrlichkeit Gottes ist der lebendige Mensch." [Irenäus von Lyon]

 
Alle Texte sind eine Kurzfassung von den Gedanken Bernward Frickers zum Kreuzweg. Die vollständigen Texte finden Sie in unserem Kirchenführer, der am Schriftenstand der Kirche ausliegt.