Es genügt nicht, dass eine Hand die andere wäscht. Selbstrechtfertigung hilft genauso wenig wie Selbstvorwürfe. Wenn es stimmt, dass wir als Christen mit hineingenommen sind in den Glauben, dass es eine Liebe gibt, die uns vorauseilt, dann sind wir vom dem Zwang befreit, uns selber loszusprechen. Dann ist es nicht mehr das Allerwichtigste, unsere sauberen Hände zu beweisen.
Rundgang: Kreuzweg
Es genügt nicht, dass eine Hand die andere wäscht. Selbstrechtfertigung hilft genauso wenig wie Selbstvorwürfe. Wenn es stimmt, dass wir als Christen mit hineingenommen sind in den Glauben, dass es eine Liebe gibt, die uns vorauseilt, dann sind wir vom dem Zwang befreit, uns selber loszusprechen. Dann ist es nicht mehr das Allerwichtigste, unsere sauberen Hände zu beweisen.
In dieser Wirklichkeit sucht uns - konsequent und unbeirrt - die menschgewordene Liebe Gottes. Sie geht dem Verlorenen nach - entschlossen, bis ins Martyrium zu gehen.
Jesus selbst ist religiöser Blindheit zum Opfer gefallen und so zeigt die Darstellung, wie gefährlich "Feuereifer" wird, wenn er überzeugt ist, im Namen Gottes zu handeln, dabei aber "über Leichen geht". Jesus hat uns einen Gott offenbart, der gerade auf Gewalt verzichtet. Wer sich also um Entfaltung und Heilung von Menschen kümmert ("Rotes Kreuz" auf dem Kopfverband), der handelt gemeinsam mit Gott.
Es wird deutlich, was "Barmherzigkeit" meint: sich ein Herz zu fassen und entschlossen an die Seite des Menschen zu treten und dort standzuhalten. In dem Pfeil sind Kräfte angedeutet, die auseinandertreiben. Der beziehungswillige Gott gibt uns im Leiden nicht auf, sondern mag uns leiden.
Simon sind Frau und Kinder an die Seite gegeben: Tragen und Getragen werden gehören zusammen. "Wir tragen immer mit an der Last aller, und von jedem sollten wir wissen, dass wir selbst auch seine Last sind in tausend Weisen." [K. Rahner]
So wird dem geschundenen Menschengesicht etwas von seiner Würde zurückgegeben. Die lose geschlungenen Bänder zwischen den Händen, die an dieser Station statt der Dornenranken zu sehen sind, weisen auf solches heilendes, verbindendes Handeln hin.
Wer sich nach Lebenssinn und wahrer Bedeutung sehnt, sehnt sich nach mehr, als "innerweltlich" machbar ist. Der Mensch darf nicht vertröstet werden - auch nicht auf das pure Diesseits. Letztendlich ist es die Suche nach Gott. "Diese Welt ist alle mal zu klein, um die ganze Sehnsucht eines Menschen zu erfüllen." [Tucholsky] Das Kreuz deutet an, dass Gott uns mit seiner Suche entgegenkommt.
Bis in unsere Gegenwart zieht sich diese Linie weiter. Der Künstler entwarf diese Station, als sich die Meldung verbreitete, dass in den Lagern Bosniens Vergewaltigung als Mittel der Kriegsführung eingesetzt wird. Können Menschen ihre Fähigkeit, das Leben weiterzugeben, so pervertieren, dass es wie ein Fluch erscheinen muss, "gesegneten Leibs" zu sein? Mißbrauchte Frauen nehmen hier die Stelle der weinenden Frauen von Jerusalem ein, ihre Arme im Kreuz, im Kreuz der Erniedrigung, im Kreuz der Kinder, in den durchkreuzten Lebensplänen.
Sie warfen das Los und verteilten seine Kleider unter sich." [Mk 15,24] Diese Mentalität, die auch noch das Intimste enthüllt und der sensationslüsternen Öffentlichkeit verkaufen will, ist uns bekannt. Das Leid und die Not von Menschen wird ohne Scheu vermarktet. Das Horn, das zugleich als Würfelbecher dient posaunt alles laut hinaus. So kann selbst die Wahrheit, wenn sie wie eine Waffe gebraucht wird, Menschen entblößen und ausliefern.
Doch der Mensch in seiner Nacktheit stahlt etwas Unberührbares aus: Wenn die Hände auf dieser Station auch beschämen wollen, sie offenbaren nur um so heller das Geheimnis dieser Person: Jesus ist der "neue Adam", der Mensch, den Gott sich erträumt hat, als er ihn nach seinem Bild geschaffen hat.
Das Kreuz deckt die klaffende Wunde auf. Es zeigt, zu welcher Inhumanität Menschen fähig sind und wie wenig sie den "neuen Menschen" Jesus ertragen. Doch er hält seine durchbohrte Hand weiter unter diese Welt: Diese Station zeigt uns einen Gott, der von der Schuld der Welt, aber noch viel mehr vom "Pfeil der Liebe" getroffen ist. Die Ohnmacht dieser gekreuzigten Liebe ist die verborgene Mitte der Welt.
Doch aus den Dornen fließen Blut und Wasser, wachsen Ähren und Trauben als Zeichen für Brot und Wein: Als Zeichen der liebenden Hingabe Jesu. Gott hat den Schrei seines Sohnes am Kreuz nicht nur gehört; er hat sich dessen Not und Verlassenheit so sehr zu eigen gemacht, dass er sich darin offenbart: "Ausgespannt hat Gott am Kreuz seine Hände, um die Grenzen des Erdkreises zu umarmen. Darum ist dieser Berg Golgotha auch der Angelpunkt der Welt." [Cyrill von Jerusalem, 4. Jh]
Gott selbst ist der, der seinen Sohn mit Liebe umgibt und "wie eine Mutter tröstet." [Jes 66,13] Er richtet die Tiefgebeugten auf und erhöht, die in den Augen der Menschen niedrig und gering sind. So hat Maria einst in ihrem Lied gesungen. [Lk 1,52] "Mutter der Schmerzen" ist nicht das letzte Wort über Maria.
Aber die Station zeigt zugleicht den neuen Anfang an. Wie eine Pfeilspitze weist sie über sich hinaus. Die Auferstehung enthüllt endgültig die Wahrheit des Lebens Jesu. Gott lässt nicht einfach auf sich beruhen, was die ungerechten Fakten aller Menschen an "Nägeln mit Köpfen" gemacht haben. Die Auferstehung Jesu zeugt von Gottes Einbruch in die Grabkammern dieser Erde.
Die Betrachtenden weist der Kreuzweg mit dem Pfeil der letzten Station auf das eigenen Leben hin. Denn "die Herrlichkeit Gottes ist der lebendige Mensch." [Irenäus von Lyon]



















